Vorgeschichte
Im Frühjahr des Jahres 1999 meldete sich ”ein Herr Wolf” aus Köppern, der mir mitteilen wollte, daß nicht das Haus der Schreinerei Wehrheim in der Hauptstraße 1 das älteste Haus in Kirdorf sei, sondern das Haus Hauptstraße 30. Er könne mittels eines Wandreliefs belegen, daß dieses Haus bereits aus dem Jahr 1562 stammt. Dieses Wandrelief, eine Tontafel mit einer Kreuzigungsszene und der Erwähnung des Erbauers, wäre heute in seinem Besitz. Obwohl ich ihm widersprechen mußte, daß aufgrund des verheerenden Brandes 1622 nachweislich auch dieses Haus niederbrannte und es daher unmöglich von 1562 stammen könne, war ich natürlich sehr daran interessiert, dieses Wandrelief kennenzulernen. Wir verabredeten ein Treffen, zu dem wir uns ausführlich über dieses Thema austauschen wollten und ich das Wandrelief kennen lernen sollte.

Als wir uns dann trafen, erkannte ich in ”Herrn Wolf” Bernd Wolf[1], einen Sohn des Metzgermeisters Kurt Wolf, der lange Jahre die ehemalige Metzgerei Schipp/Schumann in der oberen Hauptstraße an der Einmündung zur Fußgasse führte. Bernd Wolf berichtete, daß sein Vater 1963 dieses Anwesen käuflich erwarb, um den dort bereits vorhandenen Metzgereibetrieb mit Ladengeschäft weiter zu führen und mit seiner Familie dort auch zu wohnen. In der sogenannten ”Guten Stube”, dem an der Ecke des Gebäudes zur Fußgasse gelegenen Wohnzimmers im Erdgeschoß des Wohn- und Geschäftshauses, befand sich eine holzverkleidete Wand. Unter dieser Holzverkleidung verbarg sich etwa mittig im Raum das besagte Relief. Der Überlieferung nach soll es bei der Hauseinweihung dort eingelassen worden sein und sich seitdem dort befinden. Bei einer grund­legenden Renovierung der Guten Stube, etwa im Jahre 1966, wurde das Relief wiederentdeckt, herausgenommen und seitdem sorgsam verwahrt. Als die Familie Wolf um 1988 das Gebäude wieder verkaufte, bewahrte Bernd Wolf das wertvolle Relief vor dem Verlust, indem er es in seine neue Wohnung nach Köppern mitnahm. Bernd Wolf hatte das Relief mitgebracht, so daß wir es gemeinsam untersuchen konnten. Im Anschluß an unsere Unterhaltung überließ er dieses historisch wertvolle Zeugnis zeitgeschichtlicher Renaissance der Arbeitsgemeinschaft ”Unser Kirdorf” zur ordnungsgemäßen Verwahrung und für das im Aufbau befindliche Heimatmuseum.

Das Relief

ist ein hochkantiges Rechteck mit den Außenmaßen Höhe rd. 28,5 cm und Breite von rd. 17,5 cm. Die linke obere Ecke ist herausgebrochen und wieder sorgsam eingefügt worden. In der Mitte des oberen Randes fehlt ein unbedeutendes Stück. Das Relief besteht aus hellem gebranntem Ton, das auf der Vorderseite einen dicken beigefarbenen Anstrich (oberste Schicht evtl. Ölfarbe) sowie Reste von Wandlehm trägt. Im Sockel am unteren Rand befindet sich eine Inschrift mit der Jahreszahl 1562. Ein Mitarbeiter des Saalburgmuseums hat vor einigen Jahren an dieser Inschriftenzeile versucht, die Lasur zu entfernen, um die Inschrift besser erkennen zu können. Dieses ist nur zum Teil gelungen, deckte eine grüne Unterfarbe auf und führte zu einer erheblichen Beschädigung des Anstrichs. Allerdings zeigt diese Maßnahme, daß sich unter dem dicken beigefarbenen Anstrich mehrere Farbschichten verbergen, die Kachel möglicherweise ursprünglich unlasiert war und erst bei ihrer Zweit­ver­wendung die Farbanstriche erhielt.[2] Form und Beschaffenheit sowie die erkennbaren Rußrückstände auf der Rückseite belegen eindeutig, daß es sich bei diesem Relief um eine frühere Ofenkachel handelt.

Die Kachel stellt eine Kreuzigungsszene dar. Dominanter Mittelpunkt der Darstellung ist das Kreuz mit dem gekreuzigten Jesus Christus. Am Fuß des Kreuzes sind Marterwerkzeuge zu erkennen. Vom Betrachter aus links davon steht ein Landsknecht mit einem hohen Hut und einer Lanze, mit der er Jesus ins Herz sticht. Darunter befinden sich zwei weinende Frauen. Rechts vom Kreuz erkennt man unter einem geschwungenen Schriftband[3] einen Reiter auf einem Pferd, darunter einen Landsknecht mit Pluderhosen und großem Schwert. Rechts von ihm kann eine weitere Person vermutet werden. Die Inschrift im unteren Rahmen ist schwer zu entziffern. Die Buchstaben sind nur teilweise leserlich. Man erkennt aber die Buchstaben ”HANS BERMAN” und die Jahreszahl ”1562” Die Szene wird wie mit einem halbrunden Torbogen umrahmt, der wiederum durch die Außenseiten der Kachel rechteckig eingerahmt wird. Die Kachel trägt links oben unter der rechten Hand Jesus ein schwierig aber eindeutig zu erkennendes Töpferzeichen[4].

Nachforschungen bei Else Schumann, geb. Tousaint, einer Enkelin des Metzgers Schipp sowie Kathie und Hermann Schröder bestätigten, daß ihnen die Kachel bekannt war. Zuletzt wurde sie wohl anläßlich der Diamantenen Hochzeit von Lorenz Schipp (im Jahre 1947) dort an der Wand gesehen. Herr Pfarrer Keutner kannte ebenfalls das Wandrelief und soll die Vermutung geäußert haben, daß es aus Seulberg stamme.

Zur weiteren Klärung schaltete ich zur fachmännischen Unterstützung Herrn Karl Baeumerth[5] ein. Frau Raestrup vereinbarte einen Termin mit Herrn Baeumerth, legte ihm die Kachel zur Begutachtung vor und erhielt hierüber eine Fülle interessanter Informationen. Das auf Basis dieser Daten erstellte Manuskript dieser Arbeit überließ ich Herrn Baeumerth zur Korrektur, die in einem weiteren persönlichen Treffen vorgenommen wurde. Dabei erhielten wir nicht nur weitere wichtige Angaben sondern auch ein Fülle von Material[6] über Hans Berman.

Hans Berman, wer war das?
Diese Frage läßt sich selbst nach über einhundertjähriger Forschung vieler Forscher noch immer nicht eindeutig klären. Über seine Herkunft wurde schon viel spekuliert. Bezweifelt werden kann, daß er aus Uri in der Schweiz stammte[7]. Nach anderer Ansicht war Hans Berman ein Nürnberger Formenschneider, der eventuell eine zeitlang in Lübeck gelebt hat[8]. Ein anderer Forscher sieht in Berman einen Hafner, der aus Frankfurt oder Umgebung[9], oder auch aus Marburg[10] stammte. Ein Jude dieses Namens soll von 1585 bis 1595 in Wetzlar[11] nachgewiesen worden sein, und in Oberkünsbach im Odenwald soll ein Hans Berman Grundbesitz[12] gehabt haben, ohne selbst dort ansässig gewesen zu sein. Obwohl das meiste über diese berühmte Person unbekannt ist, ist uns doch möglicherweise sein Gesicht überliefert. Auf der 1562 hergestellten Kachel ”Christus und die Samariterin an Brunnen” hat er sein Portrait verewigt. Es zeigt ihn im Alter zwischen 40 und 50 Jahren, mit kargen Gesichtszügen und einem Vollbart[13]. Diese Theorie ist allerdings nicht belegt und darf daher angezweifelt werden.

Gesicherte Forschungsergebnisse [14]
Bei der Fülle von Ungenauigkeiten und Widersprüchen, die sich aus der Literatur ergeben, bleibt recht wenig, was als gesicherte Fakten aufzuführen ist. Bei den Blattkacheln[15] mit der Signatur HANS BERMAN handelt es sich um Reproduktionen von Originalformen (wohl aus Holz) mittels einer negativen Tonmatritze. Biblische, Genre- oder Wappendarstellungen befinden sich in einem architektonisch gestalteten Rahmen. Aus der Tatsache, dass es nur einen gesicherten und einen oder zwei zugeschriebene Rahmentypen gibt, kann geschlossen werden, dass Rahmen und Mittelfeld der Kachelform getrennt hergestellt wurden, um sie frei kombinieren zu können bzw. den Rahmen bei unterschiedlichen Mittelbildern immer wieder benutzen zu können. Zum Erstellen der Tonmatritze wurden die beiden Formen zusammengefügt. Solche Tonmatritzen können Töpfer erwerben und mit ihnen beliebig viele Kacheln herstellen.

Einig Töpfereien sind durch Modelfunde belegt, so in Lübeck[16], Speyer[17], wohl in Miltenberg[18] und in der Schweiz[19]. Alle Matritzen weisen den gleichen Rahmen auf. Die Frage, ob Hans Berman die Tonmatritze angefertigt hat, lässt sich nicht eindeutig klären. Bei genauer Betrachtung der 1562 datierten Kacheln und Modeln fällt auf, dass sich die Jahreszahl zum Namen und zum Rahmenrand durch Grate abhebt. Das könnte auf eine Veränderung einer Datierung (155x?) hindeuten, welche entweder durch Ausschneiden der alten Jahreszahl und anschließendes Einsetzen eines Stempels in die Form oder durch nachträgliches Stempeln in den noch feuchten Ton des Models erfolgt sein könnte.

Auffälligstes Phänomen eines Teils der Berman-Kacheln mit dem Rahmen „HANS BERMAN 1562“ ist die große Verbreitung im gesamten nord- und mitteldeutschen Raum, der Schweiz, Österreich, in Skan­dinavien und im Baltikum. Fünfzehn Stücke haben eine überregionale bzw. internationale Verbreitung gefunden, bei einer jeweiligen Funddichte von drei oder mehr Fundorten. Acht Motive gehören zu einer Serie, die Passion Christi darstellend. Lediglich das Motiv des letzten Abendmahls ließ sich bisher nur in der Schweiz, dort aber immer mit anderen Kacheln der Passionsserie, nachweisen. Das lässt vermuten, dass dieses Motiv auch über die Schweiz hinaus verbreitet gewesen war.

Bei den sieben übrigen Berman-Kacheln stellen vier alttestamentarische Szenen dar, die übrigen zeigen Episoden aus der Lebensgeschichte Christi. Zahlreiche Motive finden sich auch häufig auf gusseisernen Ofenplatten wieder, was auf eine Abstimmung der beiden Hersteller deuten könnte, sich aber durch eine Konsumentenorientierung an gängigen Bildklischees erklären ließe.

Auffällig bei den fünfzehn verbreitetsten Kachelmotiven ist, dass gerade sie, im Gegensatz zu allen anderen Bermankacheln und Berman zugeschriebenen Stücken, im hessischen Raum verhältnismäßig selten gefunden wurden. Demgegenüber fanden sich Kacheln mit dem unsignierten und undatierten Rahmen nur an zwei Fundorten in Hessen[20].

Eine urheberrechtliche Kennzeichnung von Kacheln mit ganzem Namen ist im 16. Jahrhundert die Ausnahme gewesen, dagegen findet sich solches bei gusseisernen Ofenplatten häufiger. Dies könnte darauf hindeuten, dass Hans Berman nicht nur Formenschneider für die von ihm signierten Ofen­kacheln war, sondern auch bei einer der zahlreichen Eisenhütten als Formenschneider für die Herstellung von Gussformen für Herdgussplatten beschäftigt wurde. Vielleicht stellte die Mitproduktion des Namens Berman bei den Kacheln neben der verkaufsfördernden Urheberschaft ein besonderes Qualitäts­merkmal dar, was darauf hindeuten würde, dass Berman die Kacheln nicht selbst verkauft hätte. Allerdings werden auch Zweifel an dieser Theorie gehegt, da der künstlerische Anspruch an die Berman-Kacheln keinesfalls qualitätsvoller sei, als andere Kachelformen dieser Zeit.

Die Tatsache, dass Berman-Kacheln eine so große Verbreitung erfahren haben, schließt weitgehend aus, dass Berman selbst oder Angehörige seiner Werkstatt Kacheln an oder in der Nähe der jeweiligen Fundorte produziert haben. Somit ist es wahrscheinlich, dass die von je einer Form zahlreich angefertigten Modeln an lokale Töpfer verkauft wurden. Dies könnte über einen reisenden Zwischenhändler geschehen sein, der z.B. auf der Frankfurter Messe die Kachelmodeln erwarb und sie auf seinen Reisen oder an seinem Heimatort weiterverkaufte. Nicht auszuschließen ist auch, dass Berman schon seine Formen an einen Geschäftsmann verkaufte, der seinerseits erst die Modeln herstellte bzw. herstellen ließ und anschließend weiterverkaufte, eventuell mit einer Beteiligung Bermans.

In der Regel stammen die Funde von Berman-Kacheln aus dem Verbrauchermilieu. Bei Erneuerung und Modernisierung der Öfen im Haus oder eventuell bei Abbruch eines Hauses gelangten Kacheln in die Abfallgruben oder den Bauschutt. Eine Reihe von Berman-Kacheln tragen herrschaftliche bzw. bischöf­liche Wappen, die auf eine Auftragsarbeit deuten könnten. Fungierte in diesen Fällen der Käufer selbst als Auftraggeber der Formen? Dann müsste Berman als Formenschneider überregional bekannt und gefragt gewesen sein. Eine Werkstatt, die ein breites Sortiment an Berman-Formen besaß, lag vermutlich in Burgholzhausen[21]. Von hier wurden Kacheln nachweislich in die Kellerei nach Petterweil, nach Laubach und auf die Burg Hattstein geliefert. Vermutlich besaß auch ein Töpfer im Raum Wehrheim[22] Berman-Formen.

Die Jahreszahl 1562
Die Rahmendatierung 1562 muss nicht zwingend identisch sein mit der Datum der Herstellung. Die Aufschrift dieser Jahreszahl deutet Heinz-Peter Milke vielmehr als Bezugnahme auf ein historisches Ereignis: die Krönung Maximilians II. zum römischen König in Frankfurt am Main. Die von Berman auf der bei dieser Gelegenheit stattfindenden Messe angebotenen Kachelmodeln hätten, mit der erinnerungsträchtigen Datierung versehen, einen gesteigerten Absatz gefunden[23]. Eine gesteigerte Nachfrage nach Kacheln und Kachelöfen bestand wohl ab 1550, aufgrund der auch bei den mittleren bis unteren Sozialschichten die Ausstattung der Wohnräume mit einem Eisen- bzw. Eisen-Kachelofen erfolgte[24]. Die Kirdorfer Berman-Kachel gehörte möglicherweise zu einem 5-Platten-Ofen, der im unteren Teil aus Guss bestand und darauf einen Aufsatz aus Kacheln besaß[25].

Berman-Kacheln in unserer Umgebung
Im Jahre 1880 wurden in Friedrichsdorf sechs Berman-Kacheln gefunden, die alle unlasiert und aus rotbrennendem Burgholzhäuser Ton waren. Sie sollen später dem Saalburg-Museum übergeben worden sein, wo sie nicht mehr nachweisbar sind. Etwa 1985 wurden diese sechs Kacheln im Bad Homburger Heimatmuseum im Gotischen Haus wiederentdeckt. Diese Kacheln sind mit 1562 datiert. Sie stellen die Kreuzi­gung, zweimal die Dornenkrönung, ein gotisches Fenster und die Caritas dar. Die Kreuzigungsszene zeigt als Töpferzeichen den Krug mit einer stilisierten Töpferscheibe, das von den Hafnern Peter und Philipp Kitz in Burgholzhausen verwandt wurde. Von dem Motiv der Caritas gibt es in diesem Museum sogar den Model in diesem Museum, eine besondere Rarität. Dieser Model ist aus grauweißem, stark gemagertem Ton hergestellt, wie er in Butzbach ansteht[26].

Frau Ursula Stiehler, eine der Leiterinnen des Bad Homburger Heimatmuseums im Gotischen Haus, zeigte großes Interesse, die Kirdorfer Berman-Kachel kennenzulernen[27]. Bei unserem Treffen zeigte sie mir auch vier (der sechs) Berman-Kacheln sowie das Model aus dem Besitz des Heimatmuseums, die in der ständigen Ausstellung öffentlich zu besichtigen sind, gestattete mir die Erstellung von Fotos[28] und händigte mir noch Informations­material darüber aus[29]. Besonders interessant war die Erkenntnis, dass die im Museum im Gotischen Haus vorhandene Ofenkachel mit der Kreuzigungsszene vom Motiv her völlig identisch ist mit der Kirdorfer Berman-Kachel; bis auf den verwendeten Ton und den beigen Anstrich. Auf dieser unlasierten sehr gut erhaltenen Kachel kann man das Töpferzeichen leicht erkennen und interpretieren.

Die Kirdorfer Berman-Kachel
Eindeutig lässt sich die in Kirdorf gefundene Kachel dem bedeutenden und überregional bekannten Werk von Hans Berman zuordnen. Die Kreuzigungsszene gehört zu einem häufig verwendeten Motiv, wobei mindestens zwei Kreuzigungsszenen bekannt sind. Die Form oder das Model stammt von Berman – als Hersteller der Kachel scheidet Berman allerdings aus. Das Töpferzeichen „Krug“ verrät uns auch die Herstellung der Kachel in unmittelbarer Nachbarschaft, in Burgholzhausen, von der Hafnerfamilie Peter und Philipp Kitz[30], wenngleich die stilisierte Töpferscheibe wegen des dicken Farbanstrichs nicht zu erkennen ist. Die Kachel unterscheidet sich von der im Museum im Goti­schen Haus befindlichen Berman-Kachel mit Kreuzigungsszene allerdings durch die Tonqualität. Besteht das Exem­plar im Gotischen Haus aus Burgholzhäuser rotbrennendem Ton ist die Kirdorfer Kachel aus grau­weißem, stark gemagerten Ton hergestellt, wie er in Butzbach ansteht[31]. Diese Tonqualität dürfte iden­tisch sein mit der Tonqualität der Model im Gotischen Haus. Heinz-Peter Mielke vermutet, darin eine wirtschaftliche oder familiäre Beziehung zwischen Butzbach und Burgholzhausen ableiten zu können[32].

Die Kachel dürfte in der Zeit zwischen 1562 und 1590[33] erstellt worden sein und war ursprünglich wohl hellgrün und Teil eines Kachelofens, möglicherweise mit einem gusseisernen Untersatz. Solche Öfen sind bisher in Kirdorf nicht belegt. Das bescheidene Umfeld der bäuerlichen Struktur der damaligen Bevölkerung, die ihren Lebensunterhalt außer der Landwirtschaft mit Leineweberei aufbesserte, macht es unwahr­scheinlich, dass ein solch dekorativer und teurer Ofen in einem Bauernhaus stand. Als Standort käme also nur Haus in Betracht, dessen Eigentümer finanziell besser gestellt waren. In der fraglichen Zeit gab es neben den Gebäuden der Bauern nur ein einfaches Schulhaus, einen Pfarrhof, ein ärmliches Rat­haus sowie die Obermühle und die Dorfmühle. Im Pfarrhaus könnte ein solcher Ofen gestanden haben. Allerdings dürfte auch dies aufgrund der wirtschaftlichen Situation der Kirdorfer Priester sehr fraglich sein, da diese ihren Lebens­­unterhalt überwiegend mit der Landwirtschaft bestreiten mussten. Als herrschaftliches Gebäude käme eventuell die Obermühle in Frage. Die ausschließlich regionale Bedeutung dieser herrschaftlichen Mühle lässt allerdings auch diese Vermutung als unwahrscheinlich erscheinen. Es muss daher angenommen werden, dass dieser schmuckvolle Ofen außerhalb Kirdorfs stand. Den Abriss des Ofens bzw. die Zerstörung des Gebäudes[34] überstand die Kachel, wobei die Beschädigung an der linken Ecke vermutlich dadurch entstand. Die schöne Kachel wurde allerdings gerettet und kam nach Kirdorf, wo sie vielleicht schon bei dem um 1630 erfolgten Wiederaufbau des 1622 niedergebrannten Ortes im Haus Nr. 58 als schmückendes Relief in die Wand der Guten Stube eingesetzt wurde. Es ist allerdings auch nicht ungewöhnlich, daß ältere Öfen verkauft und umgesetzt wurden, nachdem in Form und Funktion moderner gestaltete Ausführungen auf den Markt kamen. Auf diese Weise gelangten ehemals wertvolle Öfen in ein bescheideneres soziales Umfeld[35], was hier als unwahrscheinlich angesehen werden kann.

Außergewöhnlich an der Kirdorfer Kachel ist der dicke Anstrich. Keine der anderen mir im Rahmen dieser Arbeit bekannt gewordenen Kacheln ist mit einem solchem Anstrich überzogen. Leider nehmen die zahlreichen Farbschichten und insbesondere die dicke Ölfarbe an der Oberfläche viel von der ursprünglichen Reliefhöhe und lassen viele der bedeutenden Details zur Unkenntlichkeit verkommen.

Fazit
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die wiederentdeckte Kirdorfer Kachel aus der Werk­statt des berühmten und weithin bekannten Formenschnitzers Hans Berman stammt, über dessen Person und Wirken bzw. genaue Tätigkeit trotz vieler Forschungen nur wenig bekannt ist. Als Töpfer dürfen wir die Burgholz­häuser Hafner Peter und Philipp Kitz annehmen, die bei der Herstellung Ton aus Butzbach verwendet haben. Das Relief bzw. die Ofenkachel ist ein wertvolles Zeugnis der Renais­sance, der überregionalen Hafner- und auch unserer Ortsgeschichte, auf das wir mit Recht stolz sein können.

Wir können aber auch froh und dankbar darüber sein, dass dieses historische Zeugnis überhaupt bekannt gemacht und wieder nach Kirdorf zurückgegeben wurde. Ich danke allen, die zu dieser Forschung beigetragen haben. Namentlich möchte ich mich bei Frau Edeltraud Raestrup[36], Frau Ursula Stiehler, Herrn Karl Baeumerth, Herrn Hermann Schröder[37] und selbstverständlich bei Herrn Bernd Wolf bedanken. Es bleibt zu hoffen, das dieses Kleinod lokaler Geschichte einmal in einem Heimat­museum in Kirdorf der interessierten Öffentlichkeit präsentiert werden kann.

Fertiggestellt in Loenstrup/Norddänemark, im August 2003
Stefan Ohmeis




Quellenangaben:

Ambrosiani, Sune: „Kacheln mit dem Namen Hans Berman“, 1909, in Anzeiger für Schweizerische Altertumskunde, Zürich, s. 69-73

Fritsch, Regina: „Hans Berman 155x; Der Fund zweier signierter Kacheln im Schloß Brake“, 1990, in „Renaissance in Nord-Mitteleuropa I.“, Schriften des Weser-Renaissance-Museums Schloss Brake, Band 4, S. 275-287

Mielke, Heinz-Peter: ”Ein hessischer Hafner und sein Werk: Hans Berman”, 1982, in Kunst in Hessen und am Mittelrhein, Band 21, S. 23-29 uns S. 48-52

Mielke, Heinz-Peter: ”Kacheln aus Burgholzhäuser Produktion”, 1985, in Suleburc Chronik, Geschichtsblätter des Vereins für Geschichte und Heimatkunde Friedrichsdorf e.V., 16. Jahrgang, S. 3-11

Thier, Bernd: „Eine Kachel des Hans Berman aus Bederkesa“, 1994, in Jahrbuch der Männer vom Morgenstern 73, Bremerhaven, S. 39-50

Sonstige Angaben zum Anwesen Hauptstraße 30,

die bei dieser Gelegenheit festgehalten werden sollen.

Das Haus Hauptstraße 30 steht im alten, ursprünglich umwehrten Ortskern von Kirdorf nahe der früheren Oberpforte. Bereits im 30jährigen Krieg stand an dieser Stelle ein Gebäude, das 1622 niedergebrannt und schon kurze Zeit später auf den alten Grundmauern wiedererrichtet wurde. Alle Häuser innerhalb des Ortskerns trugen seit etwa Anfang des 19. Jhdts. und bis zur Eingemeindung die Baufolgenummer 58.

Im Jahre 1826 besaßen in dem Anwesen die Witwe von Johannes Henrich II. und die Witwe von Heinrich Braun II. jeweils Stockwerkseigentum[38]. Ab 1865 gehörte das gesamte Anwesen Lorenz Schipp, der auch 1901 als Besitzer erwähnt wird[39]. 1904 werden als Bewohner dieses Anwesens erwähnt: Lorenz Schipp, Metzger und Eigentümer; Valentin Nicolas Braum, Maurer; Lorenz Schipp, Landwirt[40]. Im Adressbuch von 1929 werden erwähnt: Lorenz Schipp, Eigentümer und Landwirt; Wilhelm Braum, städt. Arbeiter; Metzgerei von Hugo Müller[41]. Im Jahre 1936 wohnten dort: der Eigentümer Lorenz Schipp, ohne Beruf und der Arbeiter Wilhelm Braum[42]. Im Adressbuch von 1974 werden erwähnt: Metzgerei Kurt Wolf; Kurt Wolf, Metzgermeister; Magdalena Wolf und Dietrich Wolf[43]. Im Jahre 1993/94 werden erwähnt: Kurt Wolf, Magdalena Wolf und Uwe Wolf[44]. Im Adressbuch von 2000/01 werden erwähnt: Heiko Selzer und Saskia Selzer[45].

Die Metzgerei von Lorenz Schipp befand sich in diesem Anwesen bis 1928. Dann übernahm Hugo Müller die Metzgerei, die er bis kurz nach dem Krieg führte, bevor er 1949 gegenüber in seinem Anwesen ein kleines Ladengeschäft eröffnete. Nach Hugo Müller führte der angeheiratete Enkel von Lorenz Schipp, Josef Schumann und seine Frau Else in der Hauptstraße die Metzgerei. Als die beiden nach Köln gingen, um die Bewirtschaftung des Kolpinghauses zu übernehmen, verkauften sie etwa 1963 das Anwesen an den Metzgermeister Kurt Wolf, der bis etwa 1988 die Metzgerei an diesem Platz weiterführte. Danach versuchten mehrere Inhaber, dort ein Ladengeschäft zu führen. So war kurzzeitig dort ein Geschäft mit Gartengeräten und etwas länger ein Obst- und Gemüseladen angesiedelt. Um das Jahr 2000 wurde das Erdgeschoß komplett umgebaut. Das Ladengeschäft verschwand und wurde zu einer Wohnung umgestaltet. Auch äußerlich erinnert heute nichts mehr an die lange Tradition der gutsituierten Metzgerei mit Ladengeschäft.

Unter dem Haus befanden sich ursprünglich zwei Kellerräume. Der erste Keller war etwa 1,80 m hoch und hatte einen gestampften Lehmboden. Von diesem Keller gelangte man über 5-6 Stufen in einen etwa tiefer gelegenen zweiten Kellerraum. Die Kellerdecke bestand aus Bruchsteinen, unter dem ehemaligen Büro und der Küche befand sich eine Balkendecke. Im Hof, in der Ecke zwischen Haus und Stall, befand sich ein Brunnen. Dieser war mit Backsteinen ausgemauert und hatte eine Tiefe von etwa 8 m. Er stand genau auf einer Wasserader, wodurch er immer Wasser führte. Beim einem Ladenumbau 1964 wurde die alte Theke vom Metzger Schipp zerkleinert und als Füllmaterial in den Brunnen geworfen.

[1] Bernd Wolf wohnt heute in 63674 Altenstadt, Töpferstr. 35

[2] Hinweis von Herrn Karl Baeumerth.

[3] Die Schrift auf diesem Band ist nicht zu entziffern.

[4] Es handelt sich dabei um einen Krug mit einer stilisierten Töpferscheibe. Dieses Töpferzeichen weist auf die Hafnerfamilie Kitz in Burgholzhausen hin. Dieses Zeichen ist ein sicheres Indiz für die Fabrikation der Ofenkachel in unmittelbarer Nähe Kirdorfs: in Burgholzhausen oder evtl. auch in Seulberg.

[5] Karl Baeumerth, Ehemann der leider viel zu früh verstorbenen Dr. Angelika Baeumerth, ist ein langjähriger Angestellter des Hessenparks. Er ist ein weithin anerkannter Fachmann auf dem Gebiet der Hafnerei, Töpferei und des Ofenbaus.

[6] Es handelt sich hierbei um alle im Anhang angegebenen Quellen. Diese Unterlagen befinden sich heute im Archiv des Autors.

[7] Ulrich Thieme und Felix Becker, „Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart“, 3. Band, Leipzig, o.J.(vor 1909), S. 423

[8] Max Metzger, Architekt und Konservator des Gewerbemuseums in Lübeck, 1900

[9] Otto Lauffer, 1903 in einem Aufsatz über die Ofenkacheln im Historischen Museum in Frankfurt/Main.

[10] Konrad Strauß, Anfang der 20er Jahre. Nach seinen archivalischen Nachforschungen stieß er in Marburg auf einen 1527 geborenen Hans Olner (=Eulner = Töpfer), den er als Hans Berman interpretierte. Für seine Tätigkeit in Hessen führte er u.a. die Kachelfunde in Marburg, Laubach und Burgruine Hattstein an. Er vermutete auch eine vorübergehende Tätigkeit Bermans in Mainz.

[11] Karl Watz, Geschichte der jüdischen Gemeinde in Wetzlar von ihren Anfängen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts 1200-1850, Wetzlar, 1966, Mitteilung des Wetzlarer Geschichtsvereins 22, S. 295, gemäß Heinz-Peter Mielke, 1982

[12] Staatsarchiv Wertheim, Zinsbuch des Amtes Breuberg, Mitte 16. Jhdt., unverzeichnet, gem. Hans-Peter Mielke, 1982, S. 23

[13] Heinz-Peter Mielke, 1982, S. 23

[14] Die nachfolgenden Ausführungen stammen überwiegend aus der Arbeit von Regina Fritsch, 1990, S. 283-284

[15] Um eine solche handelt es sich bei dem Kirdorfer Exemplar.

[16] St. Anna Museum: Christus vor Pilatus

[17] Historisches Museum der Pfalz: Edelmann, Edelmann mit Blume

[18] Aschaffenburg, Schlossmuseum: Verkündigung

[19] Basel, Gewerbemuseum: Hl. Georg

[20] Gießen und Burg Hattstein/Taunus

[21] Nach Auszügen von Graf Ernst Otto von Solms-Laubach aus den Assenheimer, Rödelheimer und Laubacher Rechnungen wurden 1573 Kacheln von Burgholzhausen bezogen: „2fl. Philipp Kitz, Kachelmeister zu Holzhausen für Kacheln, welche der Keller zu Petterweil empfangen und vollends bezahlen soll“. Ein Teil der in Laubach verwahrten Funde stammt aus der Kellerei Petterweil.

[22] Ein Töpfer namens Johann Eulner, der namentlich nach den Rechnungen im Jahr 1555 belegt ist, lieferte 1562/63 Kacheln nach Laubach.

[23] Regina Fritsche, 1990, S. 282

[24] Regina Fritsche, 1990, S. 282

[25] Theorie von Karl Baeumerth

[26] Heinz-Peter Mielke, 1985, S. 3

[27] Dafür war sie sogar bereit, an einem Samstag nachmittags ins Museum zu kommen, um sich mit mir zu treffen.

[28] Dazu musste sogar noch der Hausmeister kommen, um die Vitrine zu öffnen.

[29] Es bedarf keiner besonderen Erwähnung, dass das Bad Homburger Heimatmuseum gerne auch die Kirdorfer Kachel in ihren Bestand übernehmen würde.

[30] Es handelt sich hierbei um den 1573 erwähnten Kachelmeister Philipp Kitz aus Burgholzhausen, der die Kacheln für die Kellerei in Petterweil lieferte.

[31] Heinz-Peter Mielke, 1985, S. 3

[32] Heinz-Peter Mielke, 1985, S. 4

[33] Diese grob erscheinende Datierung ist unbegründet. Bei archäologischen Grabungen in Höchst/Main stieß man auf die Reste eines verstürzten Ofens mit einem eisernen Unterbau, dessen gegossene Platten die Datierung „1585“ tragen. Die dazugehörigen Kacheln weisen die Signatur „HANS BERMAN“ und die Jahreszahl „1562“ auf. Der Unterbau und die Ofenkacheln wurden daher erst nach 1585 zusammengefügt.

[34] Vielleicht im Dreißigjährigen Krieg

[35] Bernd Thier, 1994, S. 45

[36] Sie hat dieses Manuskript auch mehrmals Korrektur gelesen.

[37] Auch für die Erstellung des Fotos und die Einarbeitung der Fotos in die vielen Ausfertigungen dieser Arbeit.

[38] Valentin Hett, 1956; „Anlage zur Karte von Kirrdorff um 1826“, Loseblattsammlung der Arbeitsgemeinschaft „Unser Kirdorf“, A III 2-8

[39] Straßenverzeichnisse 1901/03; Loseblattsammlung der Arbeitsgemeinschaft „Unser Kirdorf“, A IV 1

[40] Adressbuch der Stadt Homburg, 1904; Loseblattsammlung der Arbeitsgemeinschaft „Unser Kirdorf“, A IV 6.2

[41] Adressbuch der Stadt Bad Homburg, 1929; Loseblattsammlung der Arbeitsgemeinschaft „Unser Kirdorf“, A IV 6.4

[42] Adressbuch der Stadt Bad Homburg, 1936, XV. Ausgabe; Archiv Karl-Josef Ernst

[43] Adressbuch der Stadt Bad Homburg, 1974; Archiv Stefan Ohmeis

[44] Adressbuch der Stadt Bad Homburg, 1993/94; Archiv Stefan Ohmeis

[45] Adressbuch der Stadt Bad Homburg, 2000/01; Archiv Stefan Ohmeis



Ergänzung Mai 2004:
Aufnahmen von einem historischen Kachelofen aus der Schweiz (Bern) mit Berman-Kacheln



Fotos: Stefan Ohmeis


Ergänzung Oktober 2005:
Wir erhielten von Frau Haake aus dem benachbarten Kronberg im Taunus einen interessanten Hinweis. Vermutlich stand in der Burg Kronberg, im Hohen Haus, ein Ofen aus Berman-Kacheln. Diese Kacheln waren mit einer schwarzen Grafit-Lasur versehen. Das Hohe Haus wurde im 17. Jahrhundert abgerissen. Im Keller fand man im Schutt viele Fragmente dieser Berman-Kacheln, die gesichert, aber noch nicht wieder zusammen gesetzt und ausgewertet wurden.

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18. - 20.8.2017, 1125-Jahr-Feier, Am Brunnen, St. Johanneskirche, Bachstraße und Hof des Schwesternhauses (Programm bitte den Plakaten entnehmen)

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