Frühlingsfreuden
Maialtar in der St. Johanneskirche
„Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus…“. Seit jeher ist der Mai ein ganz besonderer Monat – der Wonnemonat eben. Mit voller Wucht ist er plötzlich da: Der Mai bringt Frische in unser Leben und beschert uns eine Vorahnung auf den heißen Sommer. Hinaus ins Grüne! Die Sonne erwärmt Herzen und Natur, die längst zu neuem Leben erblüht ist. Ein allgemeines Glücksgefühl und gute Laune breiteten sich aus. Die Jungs schlüpften wieder in ihre kurzen Hosen und die Mütter holten den Mädchen ihre Kniestrümpfe heraus. Viele Kinder liefen ab Ostern und bis weit in den Herbst hinein nur barfuß herum. Überall in Feld, Wald und Garten blühte und duftete es herrlich, und die lustigen, bunten Schmetterlinge flatterten herum. Der Monat des Erblühens wird seit Jahrhunderten mit fröhlichen Volksliedern besungen, die neuen Schwung ins Leben bringen. Überall wurde gesungen - und selbst die Hähne krähten vor Freude auf dem Mist.
Früher hatte fast jede Familie in Kirdorf ein Gärtchen. Waldemar Wehrheim schwärmt noch heute davon, wenn er erzählt: “Große Freude kam jedes Jahr Ende Mai auf, wenn unser Vater den ersten Kopfsalat erntete. Der „Maikönig“ schmeckte ganz besonders gut mit einem leckeren Omelett, das unsere Mutter nach einem überlieferten Rezept zubereitete.“
Der 1. Mai war arbeitsfrei. Während des Mailäutens der Kirchenglocken wurden die Räume in den Wohnungen mit Weihwasser gesegnet. Alle achteten die Bäume und Pflanzen in der Natur. So war es beim Vorbeigehen an einem Holunderstrauch üblich, den Hut zu ziehen, da alles an diesem Strauch heilbringend ist. Ein Maiausflug war am 1. Mai für viele Familien obligatorisch. Meist ging es in den Taunuswald. Auf einer grünen Wiese wurde gerastet und sich gestärkt. Die im Rucksack mitgebrachten Koteletts, Eier, Wurst und Brot wurden gierig verspeist. Auf dem Nachhauseweg wurden ein paar Buchenzweige mitgenommen, die mit ihren frischen hellgrünen Blättern den Frühlingswald für ein paar Tage in die Wohnung brachte.
Der Monat Mai ist bei den Katholiken der Mutter Gottes gewidmet. In die Küche oder das Wohnzimmer stellten die Mütter mit den Kindern Mai-Altärchen auf: Eine Muttergottesfigur eingerahmt von zwei Kerzen und einem Blumenstrauß, möglichst mit Maiglöckchen. Mit dem Maiandachtsbüchlein ging es dann in den Maiwochen zur abendlichen Maiandacht in die Kirche.

Bittprozession
Eine alte christliche Tradition im ländlichen Raum waren die Bittprozessionen. Die erste fand am Markustag (25. April) statt und führte zum Roten Kreuz. Drei weitere wurden an den drei Tagen vor Christi Himmelfahrt unternommen. Die erste Bittprozession am Montag ging zum Roten Kreuz, am Dienstag ging es zum Gluckenstein (später zur Schafswiese) und am Mittwoch ging die Prozession über die Farbenfabrik zur „Dicken Buche“ („Geweihte Buche“) in den Hardtwald. In Zweierreihen zogen die Gläubigen hinter dem Kreuz und den Fahnen tragenden Messdienern gemeinsam mit dem Pfarrer von der Kirche durch die Felder, um für die Bewahrung der Schöpfung, eine gute Ernte und Schutz vor Unwettern zu bitten. Auf dem Weg wurde der Rosenkranz gebetet und Bittlieder gesungen. An den Zielen (Wendepunkten) wurde eine Marienlied gesungen und die Allerheiligenlitanei gebetet, bevor der Pfarrer den Wettersegen spendete. Die Prozessionen endeten wieder in der Kirche mit der Erteilung des Segens. Zur Teilnahme hatten die Schulkinder für die Dauer der Prozessionen schulfrei.







