Kirdorfer Kerb

Der absolute Höhepunkt im Jahreskreis war früher die Kerb, die in Kirdorf traditionell nicht am Kirchweih-Tag (31. August) gefeiert wird, sondern bereits Ende Juni, am Sonntag nach dem Patronatsfest des Hl. Johannes des Täufers (24. Juni). Während heute der Kerbe-Rummel schon am Freitagnachmittag startet, geschah dies früher erst am Sonntagnachmittag nach der Vesper im »Taunusdom«. Der Sonntag­vormittag stand noch ganz im Zeichen des religiösen Patronatsfestes mit Festgottes­dienst und anschließender Prozession durch den Ortskern. Diese Tradition hat sich bis heute erhalten. Die Kinder freuten sich schon lange vor der Kerb darauf, von ihren Eltern und manchen Verwandten »Kerbegeld« zu bekommen, damit sie die Schiffschaukeln und Karussells nutzen konnten.

Kirdorf Grusskarte Kerb 1898

 Grußkarte von der Kirdorfer Kerb, 1898

Früher waren Gastwirte bedeutende Träger der Kerb. Das Kerbetreiben befand sich zwischen Metzgerschorsch (Kirdorfer Straße 77) und Metzgerei Leimpold (Kirdorfer Straße 50), heute auf der Bachstraße zwischen Kirdorfer Straße und Friedensstraße sowie in einigen Höfen im Ortskern. Während am Kerbsonntag viele Verwandte und Gäste von außerhalb kamen, waren die Kirdorfer am Montag unter sich. Für die Kirdorfer der bedeutendste Kerbetag – ein richtiger Feiertag. Die meisten heimischen Betriebe gewährten ihren Beschäftigten einen halben Tag frei, damit sie auf die Kerb gehen konnten. Menschenmassen drängte zur Kerb und verstopften die Straßen. Pferdekarussell und Kinderschiffschaukel sorgten für strahlende Kinderaugen und unbeschwertes Lachen. Stets umlagert waren Losverkauf und Zuckerstand. Schaukeln und Karusselle luden auch die Erwachsenen zum Mitmachen ein. Ein eifriger Drehorgelmann sorgte für heimelige Hintergrundmusik. Eine Attraktion war das Panoptikum, an dessen Wänden gruselige Bilder hingen und worin Wachsfiguren zu bestaunen waren, wie den Frauenmörder, der noch Blut der Opfer an den Händen hatte – zum Erschaudern der Besucher. Nebenan sangen Bänkelsänger Moritaten von der Liebe, von bösen Taten und vom verhexten Mädchen.

Generationen von Kirdorfern haben ausgelassen getrunken, gefeiert, gelacht und getanzt. Letzteres bevorzugt in den »Diwweljes«, den Tanzpavillons in den Gärten der Gastwirtschaften, wo Musikkapellen bis in die frühen Morgenstunden schwung­volle Lieder spielten. Manch zarte Bande wurde da geknüpft. Wer seine Angebetete zum Tanz auffordern wollte, musste vorher eine Tanzkarte kaufen, deren Erlös den Musikkapellen zugutekam. Wenn die Musiker nach Mitternacht die Blech­instrumente zur Seite legten, zu den Saiteninstrumenten griffen und dann "Guter Mond, du gehst so stille" bei gedämpftem Licht spielten, waren die Tanzpaare dem siebten Himmel ganz nahe.

Kirdorf Kerb Kirdorfer Str um 1960

Schiffschaukel in der Kirdorfer Straße, um 1960

Egal ob alt oder jung, jeder wollte an Kerb dabei sein. Das Treiben setzte sich bis Mittwoch fort und fand am darauffolgenden Sonntag, bei der »Nachkerb«, seinen Abschluss. In den Jahren 1940-46 musste die Kerb ausfallen. Waldemar Wehrheim kann sich noch lebhaft an die Kerb 1947 erinnern: „Das einzige Vergnügen bot ein Glücksrad in der Kirdorfer Straße. Wer 20 Reichspfennig hatte, der durfte drehen. Wem das Glück hold war, bekam als Gewinn eine Papierblume. Das war dann auch schon alles.“ Ein Jahr später wurde eine neue Ära eingeläutet. Bereits eine Woche vor der Kerb wurde der Kerbebaum an der alten Schule aufgestellt, an dessen Spitze die »Kerbelies«, eine Strohpuppe, thronte und das ganze Kerbetreiben im Blick hatte. Dank der Währungsreform war die alte Normalität zurückgekehrt. Am Kerbsonntag standen plötzlich Buden mit Süßigkeiten, Grillwürsten und Fischbrötchen neben einer Schiffschaukel, wo manch Halbwüchsiger durch Überschläge imponierte. Kurioser­weise musste auf dieser Kerb mit 50-Pfennig-Scheinen bezahlt werden, da es noch keine Münzen gab.