Zur Linderung der Not nach dem II. Weltkrieg: Die Schulspeisung

Die "Heldinnen" der Schulspeisung in der Ketteler-Francke-Schule: (v.l.n.r.) Eine unbekannte
Polin, Lotte Astemer, Else Richter, Elisabeth Frabricius und Else Jakobi, um 1946/47
Nach dem Zweiten Weltkrieg war sowohl die staatliche Ordnung als auch die Versorgungslage der Bevölkerung fast komplett zusammengebrochen. Selbst mit den Lebensmittelmarken gab es nichts mehr zu kaufen. Man war überwiegend auf Selbstversorgung oder Tauschhandel angewiesen. Der Hunger und die Not wurden immer größer. Die Bewohner der Städte kamen zum "Hamstern" auf die Dörfer. Bald waren auch diese Möglichkeiten erschöpft - am meisten Hunger litten die Kinder. Das blieb auch den Besatzungsbehörden nicht verborgen und so begannen im Frühjahr 1946 zunächst die Briten, dann die Amerikaner, aus ihren Armeebeständen eine Schulspeisung für bedürftige Kinder zu organisieren, um Unterernährung und Hunger zu bekämpfen.
In der Kirdorfer Ketteler-Francke-Schule wurde das Essen im Souterrain von fest angestellten Frauen aus Kirdorf in großen Kesseln aufbereitet und an die Kinder ausgegeben. Waldemar Wehrheim (Jahrgang 1939) erinnert sich noch genau: „Es waren schon besondere Erlebnisse, wenn mehrere Schulklassen in einer Schar von kleinen Jungen und Mädchen durchs Schulhaus zogen. Die Kinder waren oft ohne Schuhe, bekleidet mit aus Wehrmachtsstoffen geschneiderten Jacken und Hosen, und Blousons aus Zeltbahnstoff. Jedes Kind hatte ein Blechgeschirr oder eine leere Konservendose mit einem Bindfaden als Henkel, eine Gabel und einen Löffel. Wir alle standen in der Pause in einer langen Schlange an. Manchmal, wenn die Schlange nicht schnell genug voran ging, setzte ein irres Geklapper an. Hinter dem großen Kessel stand eine Frau, die den großen Schöpflöffel in den Topf senkte und in Drehbewegung versetzte; die Lehrer standen dabei und guckten zu, dass alles gerecht verteilt würde. Und wenn du besonders hungrig ausschautest, drehte sie den Löffel in die Gegenrichtung, damit du einen ordentlichen Schwung "Dickes" bekamst.“

Schulspeisung im Souterrain der Ketteler-Francke-Schule mit Else Jakobi (hinten links Gesicht
Richtung Fenster) und Lotte Astemer am großen Kessel, um 1946/47
Kartoffeln und Gemüse aus Konserven war für die Kinder etwas völlig Neues, genauso wie Weißbrot. Oft gab es Suppen mit Kakaogeschmack oder Brei. Gegessen wurde in den Klassenräumen. Es durfte niemand gehen, bevor alles aufgegessen war. Trotz Hunger bedurfte es manchmal einer großen Überwindung. Besonders den großblättrigen Dosenspinat würgten die Kinder mit Abscheu hinunter. Gerne hingegen wurden Fischbrötchen mit Orangensaft verspeist, auch Griesbrei mit Rosinen war beliebt. Zur Erbsensuppe gab es meist noch ein paar kleine Fleisch- oder Wurstbröckchen, bei der Schokoladen- und Milchsuppe waren es leibhaftige Rosinen. Und diese wurden dann gelutscht wie ein Bonbon, anschließend mit der Zunge zerdrückt und ganz langsam herunter¬geschluckt. Schließlich nahmen die Kinder ein Stück trockenes Brot und haben ihren Blechtopf damit ausgewischt. Dann konnten sie sich zufrieden zurücklehnen, hatten ein herrlich warmes Gefühl in der Magengegend und unterdrückten den Rülpser nicht. Bei besonderen Anlässen, etwa an Weihnachten, gab es auch schon einmal eine Sonderration in Form einer Tafel Schokolade oder anderer Leckereien. Die Frauen der Schulspeisung wurden als Heldinnen verehrt. Noch heute hält er zwei Fotos von ihnen in ehrender Erinnerung.
Zu aller Not war der Winter 1946/47 bitter kalt. Ab November sank die Temperatur auf Minus 20 Grad. Der Rhein war zugefroren, Kohle konnte nicht mehr transportiert werden. In den Großstädten starben die unterernährten Menschen an Kälte und Hunger. Die Klassenzimmer blieben kalt. Um die Kälte abzumildern brachten die Kinder Briketts mit, die die Heizung ergänzen sollten.
Als Kind hat Waldemar Wehrheim damals besonders berührt, dass täglich eine behinderte Frau aus dem Stedter Weg in die Schule kam, um sich eine Portion Schulspeisung abzuholen. „Die arme Frau hatte einen „Klumpfuß“ und war auch sonst in ihrer Art irgendwie eigenartig. Die Schulspeisung half ihr zu überleben.“ Bis 1947 fehlten etwa 30% der Schüler oft wegen Schwächung durch die Folgen des Zweiten Weltkriegs. Ab den Jahren 1947/48 wurden die Kinder in der Schule gewogen und gemessen, damit festgestellt werden konnte, ob sie weiterhin Schulspeisung brauchten oder nicht. Er kann heute nicht mehr sagen, wie oft er an der Schulspeisung teilnehmen durfte, aber in jedem Fall überdauerte die Speisung die Währungsreform und endete offiziell 1951 mit dem einsetzenden Wirtschaftswunder.







